Zurück zur Übersicht

Im "Astoria" gehen die Lichter wieder an - aber nur für einen Abend

Grandhotel Abgrund*
Die verschwundenen Bilder

 

Das Hotel Astoria war schon immer ein Ort, an dem Begegnungen stattfanden. In den zwanziger Jahren erlebte das Haus seine Glanzzeit, war später Vorzeigeobjekt der DDR – hier rieben sich die Weltbilder aneinander.

Prestige und Ideologie des jungen Staats spiegelten sich auch in Einrichtung des Hauses. So hingen 1958 im Speisesaal fünf großformatige Bilder von Werner Tübke: die fünf Kontinente. Thematisch setzte sich Tübke mit der Entwickelung der Menschheit zum vermeintlich glückbringenden Sozialismus auseinander. Auf jedem der fünf Kontinente stehen sich Ausbeuter und Ausgebeutete gegenüber. Der Auftrag an Tübke damals war nicht weniger als die „Interpretation der ganzen Welt“, den er im Stil des sozialistischen Realismus umsetzte.

Nach Schließung des Hotels 1997 brachte man die Bilder ins Panorama-Museum Bad Frankenhausen. Dort werden sie heute im Archiv aufbewahrt und sind so ebenso aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden wie der über viele Jahre so zentrale Kampf der Systeme. Die Rahmen der fünf Doppeltafeln bleiben als Leerstellen an der Wand zurück, was die Fotografin Margret Hoppe 2007 in ihrer Arbeit „Die verschwundenen Bilder“ thematisierte.

Heute steht das Astoria als Symbol für die Kapitulation von traditionell-individuellem Hotelcharm vor den anonymen Geldströmen und Investitionsgelüsten großer Financiers und Fonds. Als Teil eines unübersichtlichen Pakets gerät die Geschichte des Hauses mehr und mehr in Vergessenheit.

Und die fünf Kontinente? Die Konkurrenz der Systeme steht längst nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses. Dafür zeigen sich mehr und mehr, dass das unkontrollierte Wachstum der Menschheit das eigentliche Problem ist. Immer mehr Menschen, immer knappere Ressourcen, Knappheit an Wasser, Luft und Raum sind die Themen, die heute überall auf der Welt immer drängender sichtbar werden.

Schnell Lösungen sind nirgendwo in Sicht. Doch mit der Begegnung von Menschen fängt alles an. Heute Abend an der mobilen Nacht-Bar vor dem Hotel Astoria.

 

* nach Georg Lukács, Frankfurter Schule

RSS-Feed abonnieren

LVZ vom 5.10.2016

Pressemittelung vom 30.09.2016

Foto von Volkmar Heinz